Ausbildung und Praxis gehören zusammen - Die Bedeutung der Praxisorientierung in der Ausbildung von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen [1]Education and practice belong together - The relevance of practice orientation in the (University) education of Social Workers and Social PedagoguesReinhard Gunsch und Karl Tragust, Freie Universität Bozen und Autonome Provinz Bozen In this paper the authors review the expectations of the “practice field” of the social services in Southern Tirol in the light of the “Recommendations for a university-based study programme for social work” (Empfehlungen zum universitären Studiengang für Soziale Arbeit), published by the “Autonomous Province of Bolzano“. They stress the mutual relationship -“give and take” - between the two learning areas (Lernfelder) i.e. the practice field and the university setting in the process of professional education and training of Social Workers and Social Pedagogues. In this context the “practice field” offers various means to the University in order to enhance the development of “Social Work” both as a professional activity and an academic discipline. Additionally the authors express their gratitude to Walter Lorenz and underline his contributions to and impact on the practice field in the region. Vorweg vielen Dank an ECCE: Mit großer Freude verfassen wir - auch im Namen des Südtiroler Sozialwesens - einen Beitrag für diese Festschrift. Prof. Walter Lorenz, der seit 2001 an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen, Italien, lehrt, ist in kurzer Zeit zu einem wichtigen Bezugspunkt und wertvollen Partner für das Sozialwesen in Südtirol geworden. Die fruchtbare Verbindung von Ausbildung, Forschung und Praxis der Sozialarbeit ist ihm ein großes Anliegen. Die verschiedenen sozialen Einrichtungen und Dienste Südtirols wissen nicht nur um seine Fachlichkeit, sondern auch um seine Disponibilität in Fragen der Praxisberatung/Supervision und der Organisationsentwicklung Bescheid und holen sich ihn als wertvollen Berater ins Haus. Genauso bringt sich Prof. Lorenz immer wieder in die sozialpolitische Planungs- und Programmierungstätigkeit des Landes Südtirol ein; in den verschiedenen Gremien wird er als systemorientierter Berater - mit einem besonderen Blick auf die Bedürfnisse der KlientInnen des Sozialwesens und auf die Dimension der Partizipation der BürgerInnen - wertgeschätzt. So bringt er sich bei verschiedenen Tagungen und Kongressen im Lande ein, bezieht das Südtiroler Sozialwesen in internationale Vergleichsstudien [2] ein , berät die Landesregierung im Rahmen des Landesbeirates für das Soziale – im Rat der Weisen – im Rahmen der Steuerungsgruppe „Pflegesicherung“ – im Fachplan „Menschen mit Behinderungen und wird somit bei seinen unzähligen internationalen Auftritten natürlich auch zum „Botschafter der Südtiroler Sozialarbeiterlandschaft“ Praxisorientierte Ausbildung im Rahmen der Hochschulausbildung für SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen ist mehr als die Abwicklung von angeleiteten Praktika in den Bezugsdiensten während der Ausbildungszeit; sie ist als wechselseitige Investition zu interpretieren, von der die Universität und der Sozialbetrieb profitieren, als gegenseitiges „Geben und Nehmen“ zwischen Sozialeinrichtungen und Ausbildungsstätte zu verstehen, mit dem gemeinsamen Ziel, für die Region, deren Menschen und die wissenschaftliche Disziplin das bestmögliche Resultat zu erlangen: darüber haben wir uns mit Prof. Lorenz häufig, seit seiner Berufung nach Bozen/Brixen, unterhalten. Dieser Aufsatz soll als Verschriftlichung unserer gemeinsamen Überlegungen verstanden werden. Die beiden Schlüsselbegriffe [3] , die dabei immer wieder unseren Dialog leiten (siehe graphische Darstellung unten), sind:
Die Ebenen des „Könnens - des Seins – des Erprobens“ verstehen wir als die zentralen Lerndimensionen im Rahmen der Ausbildung zur professionellen Arbeit im Sozialwesen. Die Praxisausbildung ist die Nahtstelle zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung, sie ist das gegenseitige Hineinfühlen, Hineindenken und Hineinwirken der Ausbildung in die Sozialeinrichtungen und umgekehrt der Sozialeinrichtungen in die Ausbildung. Auf diese Weise wird der Auftrag der beruflichen Qualifizierung von Studierenden und künftigen MitarbeiterInnen von den zwei Partnern wahrgenommen: der Universität als Lernort der Theorie und der Theorie/Praxis und der Sozialeinrichtung als Lernort für die Praxis. Das erfolgt in Anlehnung an das duale Prinzip [4] , das sich in der Berufsausbildung und in der Fachhochschulausbildung in vielen deutschsprachigen und angelsächsischen Ländern bewährt hat. Aus unserer Sicht ergibt sich so im Lernverhältnis eine Mischung zwischen Ausbildungstätigkeit und Personalentwicklung. Der Sozialbetrieb selbst versteht sich als lernende Organisation, in der das organisationale Lernen [5] gegenüber dem individuellen Lernen zunehmend an Bedeutung gewinnt und in der ein positives Menschenbild vorhanden ist. Die MitarbeiterInnen werden grundsätzlich als Wissende und Könnende angesehen und stellen den größten Reichtum für die Organisation dar. Die Ziele der Praxisausbildung sind:
Praxisausbildung für SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen ist mehr als das Kennenlernen der Berufswelt durch strukturierte Praktikas und ist nicht mit der „alten Meisterlehre“ zu verwechseln. Vielmehr bewegen wir uns hierbei hin zum „problemorientierten Lernen“ und „Expertenlernen“ auf der Grundlage der Theorie des Radikalen Konstruktivismus (Heinz von Foerster) [6] . Mögliche Elemente der Praxisausbildung sind:
Praxisorientierentierte Ausbildung bringt eine neue Qualität in das Studium: sie ist wissenschaftsbezogen, praxisnah und offen für die neuen Herausforderungen in einer Zeit des raschen gesellschaftlichen Wandels. Auch die neue, auf europäischer Ebene gewollte, Hochschulreform, die in Italien im August 2000 vom Ministerrat gutgeheißen worden ist, weist in diese Richtung. „Die Hochschulreform beabsichtigt die universitären Ausbildungswege der Arbeitswelt näher zu bringen. Dies ist nicht nur eine italienische Sorge: es ist eine zentrale Notwendigkeit in ganz Europa. Es wäre falsch, sie als Unterordnung in Bezug zur Nachfrage des Marktes zu interpretieren: es handelt sich darum, dass die Gesellschaft jene Kompetenzen erhält, die sie braucht, um sich zu entwickeln.“ [7] Der Vizeminister L. Guerzoni sagt weiters in dem Interview: “Die Qualität wird nicht an den Stunden und Minuten, noch an den auswendig gelernten Seiten zu messen sein.... Wichtig ist hingegen, dass die Studierenden bereits während der Studienzeit direkt und intensiv mit der Arbeit in Kontakt kommen, die sie später ausüben werden. Dazu hat jeder Studiengang eine bestimmte Anzahl von Studienkrediten zur Verfügung, die für die Querschnittskompetenzen reserviert sind. Die jeweilige Fakultät verfügt über viel Autonomie bei der Gewichtung der Kredite“ [8] . Die Gestaltung des Sozialarbeiterstudiums soll sich an den Bedürfnissen des Klientels und des Südtiroler Gemeinwesens, an den differenzierten Anforderungen des Berufsalltages der SozialarbeiterInnen und der SozialpädagogInnen, an den Notwendigkeiten unserer sozialen, sanitären und soziokulturellen Dienste orientieren. „Praxisausbildung darf nicht zu einer Art „Nachsozialisierung“ degenerieren, in der PraktikantInnen und/oder BerufsanfängerInnen erst einmal all das vergessen, was sie an der Universität gelernt haben“ [9] . Die Vertreter des lokalen Sozialwesens messen der Praxisausbildung des zukünftigen Personals große Bedeutung zu und sie verfolgen mit Aufmerksamkeit, welchen Stellenwert - qualitativ und quantitativ - die Praxisausbildung in Zukunft innerhalb des universitären Ausbildungsmodells innehaben wird. Im Rahmen der theoretischen und praktischen Ausbildung erwerben die Studierenden die Fähigkeiten und Kompetenzen, die sie zur Erfüllung der Anforderungen der beruflichen Praxis benötigen. Im Lernprozess der Hochschulausbildung für SozialarabeiterInnen und SozialpädagogInnen geht es um den Aufbau sozialwissenschaftlicher Kenntnisse, um die Entwicklung handlungsleitender Kompetenzen und um die Integration und Nutzbarmachung dieses Wissens für die Bearbeitung komplexer Praxisprobleme. Um den Ansprüchen in der sozialarbeiterischen Praxis genügen zu können, ist die gleichzeitige Auseinandersetzung mit der beruflichen Identität und der Persönlichkeitsbildung eine wesentliche Voraussetzung für das berufliche Handeln. Lerninhalte und Anforderungen der Ausbildung müssen in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der beruflichen Praxis stehen. Der Abstimmungsbedarf von Ausbildungszielen und Arbeitserfordernissen mit den sich verändernden beruflichen Herausforderungen kann nur in enger Kooperation erreicht werden. Verantwortliche der Sozial-, Gesundheits- und Erziehungsdienste (alle die Praktikumsplätze anbieten) und der Universität müssen daher gemeinsam Führungs- und Ausbildungsaufgaben für die Sicherstellung der Qualifikation von AusbildungsabgängerInnen übernehmen. Dies gelingt nur, wenn im Curriculum die Gleichwertigkeit zwischen Theorie und Praxis als Grundlage der Qualifikationsüberprüfung der Studierenden festgelegt ist. Die Dienste werden um so mehr auf die Anfragen der Universität, die Ausbildung mitzugestalten (Praktikumsprojekte zu artikulieren, Tutorentätigkeit, Freistellung von PraktikerInnen für Lehraufträge,...) eingehen, je mehr sie die Gewissheit haben, dass die wissenschaftlich fundierten Theorievermittlung und die praktischen Ausbildung auf universitärer Ebene gleichwertig sind und diese Gleichwertigkeit fest in den Lehrplänen und in der Ausbildungspraxis verankert sind. Als Dienste, auch in Abstimmung mit den Berufsverbänden, werden wir auch in Zukunft keine Bemühungen scheuen, damit die Anforderungen und Qualifikationskriterien der Ausbildung allgemein und der Praxisausbildung insbesondere auf die aktuellen Anforderungen unserer Dienste ausgerichtet sind. Der Umfang und die Komplexität der sozialen Problemlagen, die die Gesellschaft und die beauftragte Institutionen und Dienste des Sozial- und Gesundheitswesens zu bewältigen haben, nehmen zu und stellen hohe Anforderungen an die Ausbildner. Nicht nur die StudentInnen, sondern auch die DozentInnen und die TutorInnen in den Diensten müssen ihre Wissens-, Handlungs- und Persönlichkeitskompetenz ständig ausbauen mit dem Ziel, die sich kontinuierlich verändernden Problemkonstellationen der Sozialen Arbeit und die sich wandelnden Dienstrealitäten in Ausbildung und Praxis professionell zu bearbeiten. Die Qualifikationsanforderungen, die den Diensten wichtig erscheinen, sind:
Die an die Berufs- und Praxisrealität anknüpfenden Qualifikationsanforderungen können vor allem in der Praxisausbildung überprüft und beurteilt werden. Es darf dabei nicht nur um das Bestehen der Anforderungen während des Praktikums gehen, sondern die Praxisausbildung soll auch für eine globale Beurteilung der beruflichen Eignung von angehenden SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen dienlich sein.
Da ECCE ein Zusammenschluss verschiedener Hochschuleinrichtungen Europas ist, dessen kultureller Hintergrund einerseits auf Universitäts- anderseits auf Fachhochschulkonzepte fußt, erlauben wir uns an dieser Stelle auch einige Befürchtungen anzusprechen, die in unserem Lande in den letzten Jahren verschiedentlich artikuliert worden sind:
Wir beenden unseren Beitrag mit einem Zitat von Hannah Arendt [10] : „Denken und Verstehen sind bloße Vorbereitungen auf das Handeln“. Prof. Walter Lorenz sei an dieser Stelle aufrichtig gedankt, dass er sich für „kleinräumliche“ Dialoge mit der Sozialarbeiterpraxis immer wieder Zeit nimmt und den einen oder anderen Impuls daraus in sein wissenschaftliches Arbeiten einerseits und in das operative Handeln andererseits einfließen lässt. [1] Die beiden Autoren Dr. Gunsch Reinhard und Dr. Tragust Karl werden in ihrem Beitrag hauptsächlich auf die Sicht der Sozialen Dienste in Südtirol fokussieren. Die „Empfehlungen zum universitären Studiengang für Soziale Arbeit“ der Aut. Prov. Bozen dienen dazu als Grundlage. [2] siehe empirische Studie von Walter Lorenz, Dario Zadra, „Dezentralisierung und Territorialisierung sozialer Dienste – Südtirol im Europäischen Vergleich “, vorgestellt im Rahmen der Tagung „ Sozialpolitik in Südtirol und Europa- Tendenzen und Chancen“ in Bozen (15-3-2005). Die Publikation steht noch aus. [3] siehe „Empfehlungen zum universitären Studiengang für Soziale Arbeit“ (erschienen 1999, in Bozen, Herausgeber Aut. Prov. Bozen) Seite 4 und Seite 15 [4] siehe dazu Überlegungen zu dualen Studienangeboten an Hochschulen: - Dehnbostel, P./Novak, H. Arbeits- und erfahrungsorientierte Lernkonzepte Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, 2000; - Universitäten – geeignet für duale Studiengänge? Redebeitrag von Dr. Jürgen Lüthje, Präsidenten der Universität Hamburg, im Rahmen der HRK/ BDA - Fachtagung „Duale Hochschulausbildung“ am 20.03.2000 im Wissenschaftszentrum Bonn [5] siehe Simon, Fritz B. (2006) und Sonntag, K.H. (1996) [6] siehe Hans Rudi Fischer (1995) [7] Auszug aus einem Interview mit dem früheren italienischen Unterstaatssekretär Luciano Guerzoni: (Ministerium für Universität und Wissenschaft MURST) erschienen in der Tageszeitung “ Corriere della sera” vom 19/12/1999 [8] ebenda [9] H. Kersting (1997) in: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit, Stichwort Praktikum (728-730), 4. vollständig überarbeitet Auflage, Frankfurt am Main 1997 [10] vgl. Arendt, H. (2002) Aut. Prov. Bozen/Prov. Aut. Bolzano (Hg.) 1999: Empfehlungen zum universitären Studiengang für Soziale Arbeit. Bozen (I). Aut. Prov. Bozen /Prov. Aut. Bolzano (Hg.) 2001: Essere in tirocinio-Quaderni di lavoro della scuola provinciale per le professioni sociali. Bolzano (I). Arendt, H. 2002: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper. Brühlmann, J., Ludwig, I. und Schwarz Govaers, R. 2000: Der Arbeitsort als Lernort in der Ausbildung für Pflegeberufe. Aarau (CH): Sauerländer. Corriere della sera vom 19.12.1999, Intervista con Luciano Guerzoni: (MURST- Ministerium für Hochschule und Wissenschaft - Rom/Italien) Dehnbostel, P. (Hg.) 1992: Lernen für die Zukunft durch verstärktes Lernen am Arbeitsplatz: Dezentrale Aus- und Weiterbildungskonzepte in der Praxis. Berlin/Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung. Dehnbostel, P. und Novak, H. 2000: Arbeits- und erfahrungsorientierte Lernkonzepte Bielefeld. Gütersloh: W. Bertelsmann Verlag, Fischer, H. R. 1995: Die Wirklichkeit des Konstruktivismus. Heidelberg: Carl-Auer. Kersting H. 1997: Stichwort „Praktikum“, in: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit. Frankfurt am Main: Eigenverlag. Lorenz, W. 1995: La formazione professionale dell'operatore socioeducativo. I diversi significati del tirocinio in Europa, in: Frabboni, F., Guerra, L. und Lodini, E. (Hg.): Il tirocinio nella formazione dell'operatore socioeducativo. Roma (I): La Nuova Italia Scientifica. Lorenz, W. und Zadra, D. 2005: Dezentralisierung und Territorialisierung sozialer Dienste – Südtirol im Europäischen Vergleich. Noch nicht veröffentlichte Studie. Bozen (I). Lüthje, J. 2000: „Universitäten – geeignet für duale Studiengänge?“ Redebeitrag von Dr. Jürgen Lüthje, Präsidenten der Universität Hamburg, im Rahmen der HRK/ BDA - Fachtagung „Duale Hochschulausbildung“ am 20.03.2000 im Wissenschaftszentrum Bonn. Pestalozzi, J. H. 1781: Lienhard und Gertrud. Ein Buch für das Volk. Neuauflage bei Klinkhardt (Bad Heilbrunn) 1999. Simon, F. B. 2006: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme. Sonntag, K.H. 1996: Lernen in Unternehmen. Effiziente Organisation der Lernkultur. München: C.H.Beck. Dr. Reinhard Gunsch has studied psychology and educational sciences at the University of Bologna, Italy and is professional Psychotherapist (Systemic Family Therapy). He is Head of Staff Development at the Social Services Department of the Autonomous Province of Bolzano and is lecturing at the “Free University of Bolzano”, Campus Brixen (Degree Course in Social Work). Dr. Karl Tragust has studied law at the University of Vienna, Austria. He is Director of the Social Services Department of the Autonomous Province of Bolzano and is lecturing at the ”Free University of Bolzano”, Campus Brixen (Degree Course in Social Work).
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